
Sina Berlinski (geb. Goldfein)
geb. 1910 | Warschau – gest. 2011 | Washington
Sina Berlinski wurde 1910 in Warschau geboren, wuchs jedoch seit früher Kindheit in Leipzig auf. Die Familie lebte in der Sedanstraße (heute Feuerbachstraße) im Rosenthal-Viertel. Sinas große Leidenschaft: Singen und Musik. Weniger aus religiösen sondern wegen der Musik besuchte sie die Synagoge in der Keilstraße. Besonders die warme Baritonstimme des Kantors Hillel Schneider beeindruckte sie. An der Ephraim-Carlebach-Schule wurde sie ihr auffallendes Musik-Interesse von ihrem Musiklehrer Samuel Lampel gefördert. Sina lernte zahlreiche Volks- und Kunstlieder kennen. Die musikalische Atmosphäre Leipzigs prägte sie nachhaltig: Sie hörte begeistert den Thomanerchor zu und sang im Gewandhauschor, den Thomaskantor Karl Straube leitete. 1928 begann sie ein Klavierstudium am Leipziger Landeskonservatorium bei Robert Teichmüller – welches sie 1931 abschloss. Ihr Interesse galt vor allem der Liedbegleitung und der Kammermusik, doch diese Schwerpunkte fanden in der Ausbildung nur begrenzt Berücksichtigung, was sie immer sehr bedauerte.
In der sich politisch und gesellschaftlich verändernden Zeit lebte sie nach ihrem Examen in Leipzig von musikalischen Gelegenheitsarbeiten – und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endeten ihre beruflichen Perspektiven abrupt. Ihr Freund Hermann Berlinski, ebenfalls Absolvent des Konservatoriums, verließ Leipzig bereits im März 1933 Richtung Polen; Sina folgte ihm 1934. Über Danzig flohen sie auf dem Seeweg nach Belgien, weiter in die Niederlande und schließlich nach Frankreich, wo sie in Paris heirateten. Beide nahmen ihr Studium wieder auf und versuchten, sich eine neue Existenz aufzubauen. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich gerieten sie erneut in Lebensgefahr. Ihnen gelang die Flucht über die Pyrenäen nach Spanien; von Bilbao aus erreichten sie 1941 New York.
In den USA mussten sie einen völlig neuen Lebensalltag bewältigen – der beide forderte, öfters an den Grenzen ihrer Kräfte. 1942 wurde ihr Sohn David geboren, der später als Mathematiker, Philosoph und Autor tätig war. 1963 zog die Familie nach Washington, D.C. Dort fand Sina ihre berufliche Erfüllung, nach der sie immer gesucht hatte: Sie arbeitete intensiv mit Sängerinnen und Sängern, entwickelte Interpretationskonzepte und unterrichtete an der Catholic University Pianistinnen und Pianisten, die sich auf Liedbegleitung und Korrepetition spezialisierten. Ihre Arbeit als Pädagogin knüpfte an jene musikalischen Prägungen und Erfahrungen an, die sie in ihrer Jugend in Leipzig erfahren hatte.
1981 kehrte sie gemeinsam mit ihrem Mann erstmals nach Leipzig zurück. Besonders bewegend war für sie der Besuch ihres früheren Wohnhauses im Waldstraßenviertel. Ihr Vater war in Leipzig geblieben und wurde während der nationalsozialistischen Verfolgung nach Auschwitz deportiert.