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Sofies Eltern

Esther Schneider
(geb. Adelski, 1864–1911)

Geboren am 15. Januar 1864 kam sie mit 34 Jahren im Jahr 1898 nach Leipzig. Bekannt ist, dass ihre 4. Tochter Sofie am 7. August 1891 in Sidra, Russland geboren wurde – vermutlich kam Esther Schneider aus diesem Gebiet, das mal zu Russland und mal zu Polen gehörte. Durch ihren Ehemann, Hillel Schneider, der als Kantor amtierte wurde und war die Familie fester Bestandteil der sogenannten Brodyer Synagoge (heute die Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinde in der Keilstrasse).

„Zilla, Yda, Louisa, Sophie, Berta, Anna, Rosa, Zipora, Dora und Mina, kommt her, ich muss euch ein paar Haare abschneiden, da mir das Haar für die Perücken ausgeht“ – so rief Esther Schneider geborene Adelski nach ihren Töchtern, wenn sie Materialnachschub für ihr Handwerk brauchte. Esther Schneider war Perückenmacherin, ein durchaus traditioneller Beruf für orthodoxe Frauen, die damit nicht nur zum Lebensunterhalt der Familie beitrugen sondern auch sicherstellten, dass die Perücke auch koscher sein würde. Berufstätigkeit war für orthodoxe Jüdinnen keine Ausnahme, sondern eher die Regel, weil die Männer sich oftmals dem Studium widmeten und so nicht zum Lebensunterhalt beitrugen.

Yiska, die Enkelin von Esther und Hillel Schneider schreibt über Esther:

Esther hatte die schönsten Augen. Nur eine Cousine hatte diese goldbraunen Augen, die immer lächelten und Lebendigkeit ausstrahlten. Wir haben einige Verwandte in London von ihrer Seite, aber wir haben nie Kontakt hergestellt. Esther war immer sehr geschmackvoll angezogen in der Kleidung ihrer Zeit. Sie trug Perücke und sie sprach ein kultiviertes Jiddisch.

Esther verstarb am 15. Januar 1911, im Alter von 47 Jahren. Beigesetzt wurde sie , wie es Tradition ist, einen oder spätestens 2 Tage später auf dem Alten Israelitischen Friedhof in Leipzig (Grabnummer 268).

Der Alte Israelitische Friedhof in der Berliner Straße 123, unmittelbar des Nordfriedhofs, entstand im Jahr 1864. Die in Leipzig ansässige jüdische Bevölkerung wuchs besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an, weshalb die Anlegung eines größeren Bestattungsplatzes erforderlich war.

Während der Pogromnacht im November 1938 wurde die Begräbnisstätte stark verwüstet. Auch der Neue Israelitische Friedhof in der Delitzscher Straße 224, der im Jahr 1927 eingeweiht wurde, blieb von den Pogromen nicht verschont. Er diente auch während der nationalistischen Gewaltherrschaft als Bestattungsplatz für die jüdischen Bürger*innen Leipzigs.

Als Anfang der 2000er Jahre die Nachkommen Esthers aus Israel (die Cozens) auf dem Alten Israelitischen Friedhof nach Esthers Grabstein suchten, stellten sie fest, dass dieser nicht (mehr) vorhanden war. Grabstätten ohne Grabmal sind auf dem israelitischen Friedhof mit Malen gekennzeichnet, die den Davidstern im Spiegel tragen — so auch Esther Schneiders Grab.
Ihre Angehörigen Miryam, Gideon, Batya, Ester und die Familien sammelten daraufhin Geld, um einen neuen Grabstein für Esther Schneider setzen zu lassen.

Hillel Schneider
(05.10.1860, Sidra – 1941, Oslo)

Hillel Schneider wurde am 05.10.1860 in Sidra/Polen, geboren. Spätestens 1898 emigrierte er mit seiner Familie nach Leipzig, um die Arbeit als Kantor in der Leipziger Brodyer Synagoge anzutreten. Dort war er von 1898 bis zu seiner Pension im Jahr 1925 als Oberkantor, Schochet (Schächter) sowie als Mohel (Beschneider) tätig. Das Jüdische Gemeindeblatt veröffentlichte 1930, anlässlich Hillel Schneiders 70. Geburtstags, einen Artikel, in dem seine Arbeit als ehemaliger Kantor in der Brodyer Synagoge sowie sein Engagement innerhalb der Israelitischen Gemeinde zu Leipzig gewürdigt wurden. So heißt es in der Festschrift:

Ihn trägt die Liebe und Verehrung einer großen Gemeinde, die von Herzen wünscht, daß er ihr noch viele Jahrzehnte in Glück und Zufriedenheit und ungebrochener Frische erhalten bleibe.

Die Brodyer Synagoge, auch Tora-Talmud-Synagoge genannt, wurde 1904 in der der Keilstraße 4 eröffnet. Auch der Gemeinde-Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach (1879 – 1936), auf dessen Initiative im Jahr 1913 die Israelitische Schule zu Leipzig, auch als Carlebach-Schule bekannt, gegründet wurde, hielt Predigten in der Brodyer Synagoge. Da sich das Gebetshaus in der Keilstraße zwischen zwei Wohnhäusern befand, wurde es in der Novemberpogromnacht 1938 nicht von den Nazis in Brand gesteckt, da man verhindern wollte, die unmittelbar angrenzenden Gebäude mit niederzubrennen. Dennoch wurden das Innere der Synagoge zerstört sowie die religiösen Heiligtümer geschändet.1

Hillel lebte mit seiner Familie in der Lessingstraße 1, nahe seiner Gemeinde-Synagoge in der Keil-straße. Nach dem Tod seiner Ehefrau Esther Schneider im Jahr 1911, ehelichte Hillel zunächst deren Schwester. Die Ehe war jedoch nur von kurzer Dauer. Schließlich heiratete er ein drittes Mal:
Mit seiner dritten Ehefrau Ida verbrachte Hillel den Rest seiner Lebenstage. Ida Schneider, geborene Hans, stammte aus Heiligenstadt/Thüringen und lebte fortan bis zu ihrer Emigration nach Oslo 1940 ebenfalls in der Lessingstraße.

Aufgrund der akut bedrohlichen Situation der jüdischen Bevölkerung in Leipzig (und in ganz Deutsch-land) durch die Nationalsozialisten, stellten viele einen Ausreiseantrag bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Die Emigration war für viele Jüd*innen aufgrund fehlender finanzieller Mittel sowie einer restriktiven Einwanderungspolitik der meisten Staaten, nur schwer und mit viel Glück möglich, für einige sogar unmöglich.

Hillel Schneider gelang es jedoch am 16. März 1939 zu seiner Tochter Yda und ihrem Ehemann Jacob Fried nach Oslo zu emigrieren (Ankunft laut Reisepass 22. März 1939). Kurz vor seiner Ausreise stellte Hillel über den Rechtsanwalt Dr. Walter Lippmann (Petersstr. 15) am 25.01.1939 einen Antrag an die Israelitische Religionsgemeinde in Leipzig, um seine Rente von monatlich 250 RM nach seiner Ausreise regelmäßig nach Norwegen transferiert werden solle. Sein Schwiegersohn Jacob Fried bezog als junger Kantor nur ein geringes Einkommen und konnte nicht für Hillels Lebensunterhalt auf-kommen. Außerdem war Frieds Ehefrau, Hillels Tochter Yda bereits länger schwer erkrankt, so dass die finanzielle Mittel der Familie bereits erschöpft waren. Hillel Schneider war zur Zeit der Antrags-stellung 79 Jahre alt und nach eigenen Angaben, körperlich nicht mehr in der Lage einer Arbeit nachzugehen. Die Israelitische Religionsgemeinde erklärte sich bereit für den Fall der Transfermöglichkeit die volle Pension weiterzuzahlen. Trotzdem wurde der Antrag abgelehnt (Ablehnungsbescheid 18.02.1939), da es gesetzlich verboten war, Privatkapital ins Ausland zu transferieren. Aufgrund dessen erließ Hillel am Tag seiner Ausreise, am 16.03.1939, eine Vollmacht, dass seine Rente fortan monatlich an seine Ehefrau Ida und davon jeweils 50 RM an seine Tochter Sophie, zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts, ausgezahlt werden sollen.

Zwischen dem Kantor Hillel Israel Schneider und seiner Ehefrau Ida Sara Schneider wird Folgendes vereinbart: Dem am 5. Oktober 1860 geborenem Herrn Schneider steht an die Israelitische Religionsgemeinde e. V. zu Leipzig ein Anspruch auf Zahlung von Ruhegeld in Höhe von monatlich 251,60 RM brutto, zahlbar in monatlichen Vorauszahlungen, zu. Er erteilt hierdurch unwiderruflich seiner Ehefrau Vollmacht, den Nettobetrag des Ruhegeldes für ihn in Empfang zu nehmen. Frau Schneider verpflichtet sich, von dem Ruhegeld monatlich 50 RM an die gemeinschaftliche Tochter Sophie Schneider in Leipzig C 1, Lortzinger Str. 12, alsbald nach Empfangnahme des Ruhegeldes für deren Unterhalt abzuführen, solange Fräulein Schneider in Deutschland lebt. Den Rest kann Frau Schneider für ihren eigenen Lebensunterhalt verbrauchen. Die Vollmacht erlischt mit dem Tode eines der Eheleute Schneider oder mit der Auswanderung der Frau Schneider aus Deutschland. Leipzig, den 16. März 1939

[unterschrieben von Hillel, Ida und Sofie]

Dem Antrag wurde stattgegeben – ein Zahlungsbeleg vom 14. April auf ein von Hillel angelegtes Sonderkonto der Dresdner Bank Leipzig belegt eine Rentenzahlung in Höhe von .1509,60 RM für den Zeitraum April bis September 1939. Es liegen weitere Genehmigungsbescheide für Oktober 1939 bis März 1940 und von April bis September 1940 für monatlich 194,50 RM vor.

Der Pensionsanspruch galt bis 1941. Am 30.12.1940 wies Ida Schneider bei der Israelitischen Religionsgemeinde die Einstellung der Zahlungen aufgrund ihrer Emigration an:

Hierdurch erkläre ich, die unterzeichnete Frau Ida Sara Schneider, geb. Hans, dass ich Verfügungsbefugnis über das meinem Ehemann zustehende Konto besitze. Ich habe auch die Möglichkeit, über die Ansprüche auf Zahlung der Pension, die meinem Ehemann gegenüber der Kultusvereinigung zustehen, zu verfügen. Aus diesem Grunde erkläre ich Folgendes: Kraft der mir erteilten Ermächtigung weise ich die Israelitische Religionsgemeinde an, von dem nächsten auf meine Auswanderung folgenden Monatsgehalt einen Betrag von 197,55 RM zurückzubehalten. Ich erteile auch meiner Bank den unwiderruflichen Auftrag, den obigen Betrag der Jüdischen Kulturvereinigung Israelitische Religionsgemeinde zu überweisen, wenn die Möglichkeit der Verfügung auf die Pensionsansprüche nach meiner Auswanderung nicht mehr gegeben sein sollte. Die Genehmigung der Devisenstelle wird nachgereicht, die Kosten werden von mir übernommen.

Ida emigrierte 1941 nach Oslo zu ihrem Ehemann Hillel Schneider, Jakob und Ida Fried. Hillels Tochter Sophie blieb in Leipzig zurück – Warum ihr die Emigration verwehrt blieb, ist bisher unbekannt. Hillel verstarb im Jahr 1941 in Oslo im Alter von 81 Jahren.