
Lena Stein-Schneider (geb. Helene Meyerstein)
05.01.1874 | Leipzig – 17.06.1958 | München
Komponistin, Dirigentin, Sängerin, Pianistin, Autorin
Helene Meyerstein, siebentes Kind des Wollhändlers Moritz Meyerstein und seiner Frau Pauline geb. Philipp. In ihrem Geburtshaus in der Großen Fleischergasse 16 befand sich auch das Wollgeschäft von Gottschalk & Meyerstein, welches ihr Vater zusammen mit seinem Kompagnon Gerson Gottschalk betrieb. Die Familie Meyerstein zog mehrmals um. So wuchs Helene in der Leibnizstr. 26 (heute Nr. 4), in der Jacobstr. 7 und in der Pfaffendorfer Str. 8 mit acht Brüdern und nur einer älteren Schwester auf.
Helene studierte Klavier & Gesang am international renommierten Leipziger Konservatorium der Musik. Am 03.11.1892 heiratete sie den Kaufmann Alfred Schneider – und zog mit ihm nach Berlin. Hier eröffneten sich ihr weitere musikalische Möglichkeiten. Trotz der Geburt ihrer vier Kinder in der Zeit bis 1905 studierte sie Gesang u.a. bei Lola Beeth sowie Kontrapunkt, Komposition und Dirigat. Ihre ersten Kompositionen entstanden bereits in dieser Zeit. Sie etablierte in ihrem Haus einen anerkannten musikalischen Salon.
Ihre Werke erschienen unter dem Künstlernamen Lena Stein-Schneider. 1909 wurde ihre erste Operette aufgeführt, zu der sie auch den Text geschrieben hatte. Und wie schon Fanny Hensel, geb. Mendelssohn (1805–1847) dirigierte sie ihre Werke selbst. 1919 komponierte sie für das neue Medium Film eine erste Filmmusik. Von ihr erschienen Kabaretttexte – in Verbindung mit Kompositionen der Unterhaltungsmusik. Dies alles brachte ihr finanzielle Unabhängigkeit. Ihre Werke wurden auf Schallplatte veröffentlicht, so dass sie auch nach dem Tod ihres Mannes im März 1923 von ihrem künstlerischen Werk leben konnte.
Der Beginn des Nationalsozialismus 1933 bedeutete: komplettes Auftritts- & Arbeitsverbot. Lena Stein-Schneider verarmte ohne eigene Einkünfte. Sie war angewiesen auf die Unterstützung ihrer Kinder. Die flohen aus Deutschland nach London, in die Niederlande und nach Palästina. Lena Stein-Schneiders Name stand auf der Deportationsliste für den 15.08.1942 nach Riga. Durch eine Änderung wurde die inzwischen 68-Jährige am 06.08.1942 in Berlin zur Großen Hamburger Straße gebracht und am 14.08.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dreißig Monate war sie im Ghetto Theresienstadt – und war eine der wenigen, die dies überlebte.
Im Februar 1945, zweieinhalb Jahre nach ihrer Deportation, konnte sie mit einem Sondertransport in die Schweiz gerettet werden. Sie ließ sich dort nieder und begann wieder zu komponieren. 1949 erschien in Lausanne ihre Neu-Komposition zu einem traditionellen jüdischen Bitt-Gebet aus dem ersten Jahrhundert: „Gebet für den Frieden – Avinu Malkénu“.
Zum Gedenken des 77. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27.01.2022 wurde Lena Stein-Schneiders Komposition von den tschechischen Kammervirtuosen „musica non grata“ vor dem Deutschen Bundestag aufgeführt.